Der Morgen ist grau, wie so viele Morgen in diesem Herbst 1984. Vom geöffneten Fenster meiner Altbauwohnung blicke ich auf die Dächer der Stadt. Aus den Schornsteinen steigt dichter Rauch auf, der nach Braunkohle riecht. Unten rumpelt eine Straßenbahn vorbei, irgendwo schlägt eine Tür ins Schloss.
Ich hebe meine Kamera ans Auge. Das Teleobjektiv habe ich schon vor dem Frühstück aufgeschraubt. Heute will ich kein großes Ereignis festhalten, sondern den stillen Alltag.
Da öffnet sich auf dem Dach gegenüber eine Luke. Ein Schornsteinfeger steigt hinaus. Vorsichtig setzt er den ersten Fuß auf ein schmales Brett, das über die steilen Ziegel führt. Mit ruhigen, geübten Bewegungen balanciert er von Schornstein zu Schornstein. Für ihn ist es Routine, für mich sieht jeder Schritt nach einem Tanz über dem Abgrund aus.
Ich verfolge ihn durch den Sucher und warte. Geduld gehört zum Fotografieren wie Licht und Film. Dann läuft er für einen Wimpernschlag etwas langsamer vor einem Schornstein. Hinter ihm verschwimmt der Rauch im bleigrauen Himmel.
Ich drücke den Auslöser.
Ein leises Klicken – kaum lauter als der Wind. Der Augenblick ist vorbei. Der Schornsteinfeger geht weiter, ohne zu ahnen, dass sein Weg über die Dächer nun auf einem schmalen Streifen Film weiterleben wird. Vielleicht werden das Bild nie viele Menschen sehen. Aber für mich bewahrt es einen flüchtigen Moment aus einem gewöhnlichen Tag in der DDR – einen Moment, der zeigt, dass selbst der unscheinbare Alltag seine eigenen Geschichten erzählt.